You Are Wanted

Kritiken / 24. März 2017

You Are Wanted

Ich mochte Matthias Schweighöfer einmal.
Damals, als er noch in erster Linie lustige und cholerische Rollen übernommen hat.
Damals, als er sich (und seine Rollen) nicht so ernst genommen hat und wahrscheinlich gerade deswegen so sympathisch aus dem Bildschirm oder von der Kinoleinwand herausgelacht hat.
Damals, als er auf seinen Fotos noch was anhatte.

Ich kann nicht genau sagen wann er sich verändert hat. Optisch zumindest schonmal gar nicht, denn er sieht wohl in 15 Jahren noch so aus wie der süße blonde Schwiegersohn, den sich Mutti immer gewünscht hat.
Irgendwann nach den vielen Treffen mit Til Schweiger hat Matthias Schweighöfer wohl festgestellt, dass er nicht nur alles darstellt, was die Durchschnittsmädels so anschmachten, sondern dass er selbst auch alles kann und so am Besten und am Meisten abcasht. Matthias Schweighofer – die Barbara Streisand des deutschen Filmes, der Mann der sich selbst produziert, für seine eigenen Filme Regie macht und sich selbst die Hauptrollen schreibt.

Dass er zwar Millionen (Deutsche) mit seinen Rom- Coms ins Kino locken kann, allerdings alles andere als ein guter Sänger ist, hat er mit seinem ersten Album (Lachen Weinen Tanzen) im Frühjahr diesen Jahres bewiesen. Von den 2 Millionen Facebook Freunden haben doch nicht alle die Platte gekauft. Oje. Welches Label hat die CD rausgebracht? Sein Eigenes. War aber irgendwie klar, oder?

You Are Wanted ist sein neuestes Projekt. Eine mit Action geladene Serie rund um einen Jedermann, dem via Hack die Identität geklaut und das ganze Leben dadurch versaut wird. Schweighöfers Posts auf Facebook diesbezüglich versprachen rasante Verfolgungsszenen, Cybercrimes wie sie Snowden nicht besser beschreiben könnte, Thriller aus Deutschland wie es Hollywood nicht besser vormachen hätte können. #geil

Ich habe lange überlegt, ob ich der Serie eine Chance geben soll. Viel zu oft hat Meister Matthias sich selbst und das Projekt auf seiner selbstverliebten Facebooksite gelobt und geliked. Und fast hätte ich meine Neugierde besiegt. Fast. Doch dann kam die Newsmeldung “Amazon Prime Video beauftragt 2. Staffel von Matthias Schweighöfer”.
Mist. Hat der doch wieder einen Erfolg gelandet. Dieses miese kleine blonde Blondchen. Naja. Wenigstens habe ich Prime. Sehen wir uns den Goldjungen eben an.

Lukas Franke ist ein Mann, der augenscheinlich alles hat. Sieht gut aus, netter Job, hübsche selbstständige Frau, herziges Kind. Und dann wird er gehackt. Und ab dann geht alles den Bach runter.
Die Serie beginnt mit einer hollywoodreifen Kameraeinstellung mitten rein in einen Wohnbetonblock im Kaisermühlen- Style. Die Szenen signalisieren Anonymität, die Möglichkeit in der Masse von Gleichaussehendem unterzugehen, dank Copy & Paste Optik nicht aufzufallen. Verdammt guter Einstieg in die Serie.
Und ab dann geht alles den Bach runter.

In Matthias Schweighöfers Welt haben Hacker dunkle Zimmer voller Festplatten und viele Monitore. Sie schalten den Computer ein und Unmengen an Zahlen und Buchstaben laufen den Bildschirm entlang. Nein, nicht wie in der Matrix – da ist alles Grün!
In Matthias Schweighöfers Welt friert dein Bildschirm ein, alles wird schwarz und plötzlich taucht vor dir die Frage auf: Willst du ein Spiel spielen? Nein, nicht wie in der Matrix, da fragt man nach einem Kaninchen und ja, Saw war so ähnlich aber da kam das alles über einen Lautsprecher oder so.
In Matthias Schweighöfers Welt schießt die Polizei auf offener Straße am helllichten Tag mit scharfer Munition nach dir, weil du auf das Kommando “Stehenbleiben” weitergelaufen bist.
Willkommen in “You Are Wanted”. Wo jede einzelne Figur ein großes Klischee ist. Die perfekte Ehefrau, die es absolut toleriert, dass der Ehemann mehr Zeit in der Firma verbringt als mit ihr im Bett. Die so unfassbar lieb ist und Kuchen bäckt und trotz Vollzeit Job irgendwie doch immer zuhause bei dem Sohn ist.
Die beste Freundin, die einen liebenswerten Akzent hat und dauernd nur über Sex redet, höchstwahrscheinlich selber aber gar keinen hat.
Die LKA Tante, die Kettenraucherin ist, jeden Satz mit “Wissen Sie was ich hasse?” beginnt und Asthma hat.
Der wahnsinnig attraktive Chef, in den sich die Ehefrau irgendwie verliebt. Weil er so lieb ist. Und attraktiv. Weil sie nicht weiß, dass er irre ist und Bomben baut.

In “You are Wanted” fährt man nachts mit einer Sonnenbrille auf dem Motorrad durch Deutschland und ist tagsüber mit Baseballcap und Kapuzenpulli ganz in schwarz angezogen, weil das am Unauffälligsten ist. Man kann ohne Brechstange in ein Elektrogeschäft mitten am zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise vollkommen leeren Ubahngelände einbrechen und problemlos auch wieder durch die Hintertür abhauen, weil die praktischerweise offen ist. Hacker spielen Egoshooter und sind irgendwie immer verschwitzt und ein bissi ranzig, Polizisten können dich zwar 24h überall abhören und auf Kameras in der ganzen Stadt zugreifen, sind aber nicht in der Lage jemanden der in einem Verhörzimmer sitzt davon abzuhalten durch die Hintertür (die praktischerweise offen ist) abzuhauen.

Matthias Schweighöfers Welt und Serie ist so dermaßen schlecht, dass es sehr viele Gründe gibt sie anzusehen.
* Beispielsweise weil man selten so schlecht funktionierende Figurenbeziehungen gespielt erleben durfte. Alexandra Maria Lara dürfte richtig angewidert von Schweighöfer gewesen sein, anders kann man sich diese emotionslosen Küsse nicht erklären
* Beispielsweise weil man selten so einen lächerlichen und unnötigen Einsatz von Zeitlupe erlebt hat
* Beispielsweise weil – sofern man die großteils genuschelten Dialoge versteht – man feststellen muss, dass so niemals jemals irgendjemand irgendwann reden würde
* Beispielsweise weil das im Minutentakt auftauchende Product Placement dermaßen skurril eingesetzt wird, dass man spätestens nach Folge 3 endgültig davon überzeugt ist diese Produkte definitiv nie zu kaufen
* oder beispielsweise weil die letzten 10 Minuten der Staffel dermaßen absurd und erbärmlich sind, dass das eigene Lachen die fade Musik beim Abspann übertönt.

Naja, lieber Matthias. Immerhin Amazon Prime glaubt an dich. Und an eine 2. Staffel. Und so wie deine Serienehefrau schon gesagt hat: “Blablabla wollte alle warnen. Und jetzt hast du die Chance dazu.” Also los geht’s!
Entlasse unbedingt jene Person in deiner Crew, die einen obsessiven Fetisch zu Slowmotion hat und was auch immer der Rest von deinem Kamera- und Schnittteam bezahlt bekommen hat, es war definitiv zu wenig, denn immerhin sind sie die einzigen, die “You Are Wanted” vor dem Prädikat Absolute Lachnummer bewahrt haben. So bleibt die Serie einfach nur eine Lachnummer, die viel zu viele Ideen aus Filmen schlecht geklaut hat und noch schlechter umgesetzt hat, sich selbst viel zu ernst nimmt und am Ego von Schweighöfer selbst scheitert. Achja. Wie Schweighöfer die Serie selbst findet? Geil. War aber irgendwie klar, oder?











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