Manchester by the Sea

Allgemein / Kritiken / 8. Februar 2017

Manchester by the Sea

2016 war definitiv nicht das beste Filmjahr des 21. Jahrhunderts. Neben unzähligen mehr oder weniger schlechten Comicverfilmungen, bleiben einem wenige Werke merklich in Erinnerung. Aber 2016 war auch nicht gerade das beste Jahr global(politisch) gesehen. 2016 war auch alles andere als mein bestes Jahr…

Kenneth Lonergans Sozialdrama rund um den sehr stillen Einzelgänger Lee Chandler (Casey Affleck) überzeugte schon im Jänner 2016 beim Sundance Film Festival internationale Kritiker, Amazon sicherte sich die Verwertungsrechte und alles darauf Folgende ist nach einer ewigen Wartezeit eine Vielzahl an Nominierungen und Auszeichnungen. Welcome to Hollywood!

Vorschuss- und Nachschuss- Lorbeeren müssen nicht zwangsläufig bedeuten, dass ein Film wirklich gut ist, geschweige denn dass man ihn unbedingt gesehen haben muss. Manchester by the Sea muss man auch nicht wirklich sehen. Schade sich nicht in das Werk eingefühlt zu haben, ist es dennoch.

Jeder kennt jemanden wie Lee. Ein eigenartiger Typ. Nicht wirklich unsympathisch mit seiner ungeschickten Art, aber trotzdem jemand mit dem man eher nicht viel Zeit verbringen möchte, vor allem nicht privat. Und das nicht zuletzt deswegen, weil Lee selbst bloß in Ruhe gelassen werden will. Irgendwie schade. Wieso ist dieser intelligente und im Herzen grundgütiger Mann bloß so verschlossen, lebt fast vollkommen einsam in einer Kellerwohnung und verdient sich seinen Lebensunterhalt mit einem Hausmeisterjob, der von verstopften Klos außerdem noch kaputte Gasleitungen zu bieten hat.

Jeder trifft früher oder später jemanden wie Lee. Manchmal wollen wir wissen, welche Geschichte dieser jemand zu erzählen hat, welche Sorgen er hat, warum er so ist wie er ist. Meistens wollen wir es nicht wissen und stempeln diesen jemand als asozialen Eigenbrötler, der es gar nicht verdient hat dass man sich näher mit ihm auseinandersetzt, ab.

Jeder erkennt sich selbst ein bisschen in Lee. Ein Professor hat mir mal gesagt es sei zwecklos vor seinen Problemen davonzulaufen bzw. sie von sich wegzustoßen. Durch die Form der Erde, dreht das Problem maximal eine Runde und sitzt dir dann erst wieder unangemeldet im Nacken nur damit du dich endlich mit ihm wieder auseinandersetzt. In Lee’s Fall läutet der plötzliche Tod seines Bruders die unaufhaltsame Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit und der damit verbundenen Probleme ein. Dem Zuschauer wird – wenn er sich darauf einlässt – nach und nach klar, warum Lee so ist wie er ist und wie er früher einmal war. Wie man seine Geschichte aufnimmt, spielt keine große Rolle, denn: die Geschichte von Lee ist die Geschichte von jedem irgendwann einmal – so oder so ähnlich.

Manchester by the Sea ist kein besonderer Film mit einer noch nie dagewesenen Story. Casey Affleck spielt den Lonewolf mehr als überzeugend, sämtliches Lob ist vollkommen gerechtfertigt. Und das obwohl es Filmstoffe gibt, die weitaus mehr Emotion und Aktion einem Schauspieler abverlangen. Was im Film gezeigt wird, passiert jeden Tag zigmal, meistens in sogar weitaus schlimmeren Versionen. Der Tod eines geliebten Verwandten, die schwierige Wahl zwischen Verwantwortung und Unabhängigkeit – das sind alles keine neuen, lauten Themen. Aber warum empfehle ich den Film trotzdem?

Weil er realistisch ist.

Weil er unaufgeregt ist.

Weil ich so wahnsinnig oft mitempfinden durfte.

Weil er weh tut und vor allem:

weil er einfach wirklich gut ist.











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